ARTIKEL | Falter 06

Grüezi on Oanwe

Christina Zurbrügg ist Filmemacherin, Schauspielerin und vor allem: Musikerin. Demnächst begeht die Wahlwienerin aus der Schweiz mit einem Jodelabend ihr 15-jähriges Bühnenjubiläum. KLAUS TASCHNER

Auch wenn Sie keine ihrer Platten besitzen und noch nie bei einem Konzert von Christina Zurbrügg gewesen sind, so haben Sie deren schöne Stimme sicher schon einige Male gehört. Im Duo mit Willi Resetarits zum Beispiel, mit dem sie einen Werbespot für Aonline gesprochen hat. Sie hat mit ihrer Stimme aber auch schon für Suchard-Finessa, für Coca-Cola und, wie es für eine gebürtige Schweizerin gehört, für die neue Zürcher Zeitung sowie für Toblerone - natürlich in Schwyzerdütsch - geworben.

Ein Spot wie der für Aonline sei finanziell "ein Geschenk des Himmels", sagt Christina Zurbrügg, die als Künstlerin aus der " freien Szene" sonst eher bescheidenere Bezahlung gewohnt ist. "Als ich die Honorarnote schrieb, dachte ich mir, dass die bei der Summe irrtümlich eine Null zu viel hingeschrieben hatten." Im Vergl eich dazu sei ihr Bandprojekt "Yodel ‚n’ Bass", mit dem sie demnächst im Porgy & Bess auftreten wird und so ihr 15-jähriges Bühnenjubiläum feiert, quasi ein Hobby, das sie sich leiste. "Aber dafür ist es auch eine Herzenssache".

Dass man auch auf einer Bühne jode ln kann, war für Zurbrügg, die aus einem 180-Seelen-Kaff im Berner Oberland stammt, lange Zeit eine befremdliche Idee. Dazu musste sie erst einmal - über zahlreiche Umwege - nach Wien kommen. Nach dem Gymnasium in Bern verließ sie die engen Schweizer Täler nämlich zunächst einmal in Richtung Südamerika. Nach einigen Monaten bei einer Schweizer Gastfamilie in Chile folgte - "natürlich wegen eines Gitarristen" - ein längerer Aufenthalt in Buenos Aires. Als Hippiemädchen hütete sie außerdem in Kalifornien Schafe und lernte in Andalusien Flamenco tanzen.

1984 landete Zurbrügg dann in Wien, genauer: am Dramatischen Zentrum, um eine Schauspielausbildung zu machen, in deren Rahmen sie auch zu musizieren beginnt. Ihr erstes eigenes Musikprogramm, "Cafe´ de Chinitas", entpuppt sich prompt als Publikumshit. Nach einem Engagement in García Lorcas "Bluthochzeit" hatte Zurbrügg dessen andalusische Volksliedersammlung erarbeitet und trat damit drei Monate lang im Theater in der Drachengasse auf. Es folgten zwei erfolgreiche Platten, die kürzlich unter dem Titel "Lorca & More" in einer Best-of-Version wieder aufgelegt wurden.

Gejodelt hat die Wahlwienerin, die nach der Schauspielschule eine klassische Gesangsausbildung durchmachte, damals immer noch nicht. Stattdessen versucht sie sich zunächst als Filmemacherin und dreht eine Dokumentation über die letzten Wiener Dudlerinnen. Die filmische Pioniertat, die 1998 unter dem Titel "Orvuse on Oanwe" herauskommt - was in der legendären Geheimsprache der Musikerinnen nichts anderes als "Servus in Wien" bedeutet - führt die weit- und zugereiste Multikünstlerin dann aber endlich doch zu ihren eigenen musikalischen Wurzeln zurück.

Unabhängig von der sogenannten Neuen Volksmusik beginnt sie, Jodler zu komponieren, sie mit Elektronik zu kreuzen und Jodelloops zu basteln. Im Laufe der Jahre findet sie zu einem ganz eigenen Sound, der sich allen geläufigen Kategorien entzieht und sich auch als Filmmusik gut eignet - wovon inzwischen schon ein halbes Dutzend Produktionen zeugt. Bei der letzten zeichnet Zurbrügg auch für Buch und Regie verantwortlich: "Bleiben oder Gehen" war anlässlich des 85. Geburtstages von Friedrich Dürrenmatt vor wenigen Tagen auf 3sat zu sehen.

Dürrenmatts Stück "Der Besuch der alten Dame" geht nämlich just auf jenes Kaff Kienthal zurück, in dem Zurbrügg ihre Kindheit verbrachte.

"Mein Großvater hat mit Dürrenmatt noch gesoffen", erzählt Zurbrügg im Film, der stark autobiografisch und mit originellem Filmmaterial aus den Fünfzigerjahren das damalige Leben im Bergdorf einfängt und davon berichtet, was aus den Bewohnern in der Zwischenzeit so geworden ist. Die eigentliche Hauptrolle spielt freilich die poetisch-assoziative Musik. Den Schnitt besorgte übrigens Zurbrüggs Ehemann Michael Hudecek, der kürzlich für den Schnitt von Michael Hanekes "Caché" mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet wurde.

Unter dem Namen "Gams" haben die beiden auch eine Produktionsfirma gegründet, was es leichter macht, eigene Projekte einzureichen und zu vermarkten. Für die Neue Volksmusik ist Zurbrüggs Musik zu artifiziell und elektronisch, für die Elektronikszene ist sie zu poetisch und der Gesang mitunter allzu schön. Auf dem Label Gams sind auch Zurbrüggs neue DVDs und CDs erschienen - auch, weil sich ihre Filme und ihre Musik den herkömmlichen Kategorien widersetzen.

"Mich fasziniert beim Jodeln vor allem, dass es überall verstanden wird", sagt Zurbrügg, die neulich mit ihrem Jodelprojekt auch in Mexiko gut ankam. Hierzulande bekomme sie nach ihren Konzerten halt nach wie vor zu hören, dass sie ja fast wie Hubert von Goisern klinge - im Idealfall mit dem Nachsatz: "nur cooler". Was die Sache dann doch wesentlich besser trifft.

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