ARTIKEL | Diva Dez. 05

Lachen & Weinen

Humoristen sind meist die sensibelsten Beobachter: Besonders wenn sie so subtil kämpferisch sind wie Cartoonist Gerhard Haderer und Ethnopopperin Christina Zurbrügg. Deshalb sind sie auch so gut auf Starautor Jonathan Franzen zu sprechen.
Interview: ELFI OBERHUBER

DIVA: In Gerhard Haderer Cartoons und im Ethnopop von Christina Zurbrügg dreht sich alles ums Leben. Wie bei Starautor Jonathan Franzen ("Schweres Beben", Rowohlt), der meint: "Die Menschen beginnen, sich aus politischen Gründen nach Naturkatastrophen zu sehnen, um einen Politiker oder Konzern dafür verantwortlich zu machen, das wird mehr wahrgenommen als die Alltagsarmut."

HADERER: Die Amerikaner weigern sich, auf die Klimaveränderung einzugehen. So blicke ich auf Bush, als Macho-Westernheld mit Affengesicht. Ich habe aber Mitleid mit dieser armseligen, fremde Interessen vertretende Figur. Die Leute delegieren ihre Unfähigkeit im Alltagstragödien-Umgang generell zu sehr auf einfache Feindbilder.

ZURBRÜGG: Ich kann sagen, solche Tragödien über die CD "Café de Chinitas - Sonnenuntergang" verarbeitet zu haben - jene ausgestorbenen Kulturen Amerikas. Das war `92, im Kolumbusjahr, dem Jahr des Todesgemetzels. Da waren die Spanier die Hauptschuldigen, von der Inquisition bis zur "Minderheiten"-Verfolgung. Auch diese Verfolgung ist eine Terrorismus-Art. Den gibt es nicht erst heute.
Ja, das war die Ausrottung einer Nation.

Ihre Balladen berichten vom Wegziehen der Mauren: "Ach, wie viele bittere Tränen fielen da ins Wasser ..." Da denke ich: Wie kann man so poetisch über eine Deportation schreiben? Wie unterschiedlich Menschen ins Leben hinein geboren werden, wurde mir aber erst mit 20 bewusst, als ich im Regime-besetzten Chile ohne Redefreiheit lebte, wo gleichaltrige Studenten verfolgt wurden. Ich erkannte, wie paradiesisch die Schweiz dagegen war. Das zu erkennen, ist sicher ein Schock. Er wäre kleiner, wenn die Weltpolitik weniger kapitalistisch wäre. Die Resthoffnung liegt im Nicht-erreicht-Haben, so dass man sich noch wehren kann.

DIVA: J. Franzen sah sich als "angry young man", der überall aneckt. Seine Aussagen, sein Schreibstil brachen Tabus, sein Erfolg kam. Heute meint er: Sprache wird nur noch für Lügen genutzt, sei es von Bush oder Agenturen. Und die Sprache ist wie ihre Gesellschaft, in der zur Zeit der Grundsatz: "If you think, you stink" herrscht".

Angry war ich über die Kitsch-Metaphern der Kirche, und das Tabu brach ich mit dem Buch: "Das Leben des Jesus". Als spiritueller Mensch glaube ich nicht, dass man den Armen verlogene Geschichten erzählen muss. Also stürzte ich mich genau über diese Bildwelten, was so provokant empfunden wurde, dass Griechenland mich samt europäischem Haftbefehl verurteilte. Der Freispruch kam mit Hilfe der deutschen Regierung, Österreich ließ mich brutzeln. So viel zur - noch vorhandenen - katholischen Inquisition.

Die neben dem Pomp im Protestantismus fehlt, wo man sich mit der Beichte auch nicht reinwaschen kann. Dafür ist es unterschwelliger. Ich trat also einen Tag nach der Konfirmation, die ich meiner Mutter zuliebe machte, aus der Kirche aus. Sonst gibt es für einen Musiker in Österreich kaum Chancen, Tabus zu brechen, da das Radio einen eh nicht spielt.

Ich kann und muss als Satiriker schon möglichst nah an Grenzen öffentlicher Berührungsverbote herangehen. Wenn aber diese Grenzen nach hinten verlegt werden, so dass wir wieder Tabus haben, die über 40 Jahre nicht existierten, ist das eine Aufforderung zum Kampf. Man kann nicht mehr wertfrei sagen: "Konflikte können nicht durch Krieg gelöst werden." Aber wenn ein Kriegsanzettler sagen kann, "na, da habe ich mich geirrt", dann ist das schon zynisch und menschenverachtend. Die Wahlen zeigen jetzt allerdings sogar Zuwächse der Kommunisten, was zeigt, dass das kapitalistische Wellental durchtaucht ist.

Dürrenmatt, ein Trinkkollege meines Großvaters, wäre auch wieder ein wichtiger Spiegel. Er schrieb in unserem Bergbauerndorf das Vorläuferstück vom "Besuch der alten Dame", wo ja die Werte der Menschen völlig ins Wanken geraten, wenn jemand mit Geld daher kommt. Doch egal wie die Politik sein wird, ich zweifle daran, dass das Leben jemals optimal sein wird, ob in Amerika, der Schweiz oder Österreich. Das bleibt ambivalent.

Ambivalenz ist ein österreichischer Begriff. Von Erwin Ringel. Als Nicht-Österreich-Patriot muss ich sagen: Ich mag die Schweiz mit ihrer dreifachen Multikulturalität, eine wichtige Öffnung zu Welt.

Die Schweiz ist jetzt doch auch trotz ihrer Kebabstuben voller Ausländerhass: kamen früher nur Italiener, so kommen jetzt vermehrt Arme aus aller Welt.
Österreich genügt sich mit "mir san mir", aber von Haus aus mehr, wozu mein Buch "Von Hunderln und Menschen" gut passt, voller "wienerischer" Hunderln und Herrln. Der Hund steht für das Einfache hinter den Vorgängen, die Leute sollen sich durch diese Methode nachdenken trauen, was viele intellektuelle Kollegen verkomplizierend verhindern.

Man muss so etwas aber auch, wie jede Erfahrung, zulassen können. So wie ich Frederico G. Lorca zuließ, als ich mich in den spanischen Dichter verliebte. Bei seinen Texten muss ich einfach weinen. Diese Blumigkeit ist jedoch nur auf Spanisch richtig zu verstehen, auf Deutsch wirkt sie schnell pathetisch. "Ich will mit dir teilen, nicht Tisch und nicht Bett, aber keine Stunde des Tages möchte ich von dir getrennt sein". Wieder diese Zerrissenheit.

Die gibt es bei mir auch: im Widerspruch zur ästhetischen Überhöhung zum banal gezeigten Leben. Meine Alltagszeichnungen sind kein Fingerzeig mit Botschaft; sie suggerieren die lauernde Tragödie eines Rituals, wie des Vorgabe-Idyllchens vor dem Weihnachtsbaum mit fleischigen Botero-Kindern, was gesprengt gehört. Direkt kämpferisch gehe ich dann bei öffentlichen Menschen vor: Wenn Angela Merkels Gesicht mit Marlene Dietrichs verschmilzt, ist das die sehr zurückhaltende Frau mit ungeeignetem physiognomischen Auftreten, die aber als Politikerin ans Pult tritt. Diese Gegensätze bewegen.

Mich bewegen die Gegensätze in mir; in "Christls Wunderwelt" wär ich "so gärn fuul". Dann "bi i immer die Letschi, z`schpat", nie am richtigen Ort, ein Donald Duck mit der Lebenstragik, patschert zu sein; selbst wenn ich nachsichtiger mit mir werde, denke ich mir gleich wieder, dass "immer alls ganz anders si chönnti", so dass sich mein Leben anders entwickelte. Jeder Moment eine Entscheidung. Diese Disharmonie treibt mich dann zur Musik, was mich wieder entkrampft. So widersprüchlich ...
... und zerrissen sind wir. Hey! Eine der wenigen Lebenslagen, in denen ich ausgeglichen bin, ist die Ausführphase des schlichten Raums, den ich für meine reduzierte Aussage brauche. Oder für das andere Extrem der Details. Nimmt sich der Leser für meine überrealistischen Momentaufnahmen doppelt so viel Zeit wie für andere Cartoons, zwanzig Sekunden, sitze ich gerne stundenlang da. Und manchmal, wenn ich eine Typisierung finde, wie Schüssels Metamorphose zum Hahn, kapituliere ich vor der Unverschämtheit des Ausdrucks, dann zerreißts mich wieder: vor Lachen. Prozentuell ausgedrückt passiert das aber 0,00024 Mal. Denn Witze zu erfinden widerstrebt mir, ich bin kein Schenkelklopf-Lacher, meinen infantilen Schimpansen-Bush möchte ich eher streicheln, den "oarmen Vabrecha", Gusenbauer bereitet mir Sorge ...

Gusi, das Lusi.
Wunderbar, ja. Er als James Dean, fünf Uhr früh, alles ist abgefuckt, es regnet. Niemand schreit: "Hey Gusi, wir wollen dich!" So geht der arme Hund die Straße entlang und muss mit sich ausmachen, wie rundum völlig unbedeutende andere Figuren als Leuchtreklamen funkeln: Schüssel, Khol, Molterer ...

DIVA: J. Franzen findet seine armen Gestalten in der Familie, in alten wie neuen Mustern: Die Kinder versuchen, die "Fehler" der Eltern zu vermeiden - treue, getrennte Männer- und Frauenrollen, (vertuschten) inneren Machtkampf, - doch erreichen sie umso weniger, je mehr sie sich darum bemühen.

Fakt ist: Männer sind oft Sextouristen oder treten als drei weise Pfarrer auf, wo einer dem anderen ans Glied greift - ihr Trieb ist also präsent. Und wäre Jesus als Mädchen geboren, wären alle entsetzt. Dennoch: Es ist eine schöne Vision zu denken, alle wären gleich berechtigt. Das ist wohl eine Minimalforderung, die herzustellen wäre. Ich denke, ich bin bei den Geschlechtsattacken gerecht, doch kürzlich flog ich wegen zwei Tatoo-Trägerinnen von hinten aus der Zeitung, da jenes der älteren verrunzelt war. Man sah es als frauenfeindlich.

Schüssel faltenfrei und die Frau daneben mit Runzeln wäre ärger. Es streift aber ein Problem: dass Frauen noch viel weniger zu sagen haben, weniger präsent sind. Und wenn sie es sind, dann sind sie faltenfrei. So beschäftigen mich mehr Frauen- als Männerschicksale; mein Buchtitel: "Negerin" kommt nicht von ungefähr, denn das ist (noch) jede Frau.

Feministinnen in der Familie haben es aber nicht leicht. Damit auch die Erotik stimmt, müssten Frauen spielerisch mit den Fixpositionen Macht-Ohnmacht umgehen, bereit sein, jene Selbstdistanz immer wieder aufzulösen und neu zu definieren. Auch die Männer müssen da mitspielen.

Das ist ein Lernprozess und eine Fügung. Mit 38 sagte ich: " Meine Single-Wohnung verlasse ich nicht", und dann kam doch einer daher, und ich habe sie verlassen. Kinder habe ich allerdings keine. Es ist doch ein unglaubliches Abenteuer, wenn zwei Menschen vereinbaren: "Machen wir miteinander eine Familie". Wir dachten noch, unsere Partnerschaft würde zwei Wochen nicht überleben, doch die wollten wir wenigstens voll erleben. Und 30 Jahre hat sie mit vier Kindern gehalten.

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