ARTIKEL | City Stadtmensch 06

Vom Bärenwirt ins Porgy

Christina Zurbrügg bringt die Loops zum Jodeln. Und sie stellt sich nicht nur in ihrer Musik, sondern auch im Fernsehfilm die Frage: "Söll i blibe oder ga?"
Interview: Ewald Schreiber

Über die gebürtige Schweizerin und Wahlwienerin Christina Zurbrügg wird behauptet, sie mache "innovative Weltmusik", weil sie spanische, schweizerische oder wienerische "Traditionals" mit Rap, Pop und Elektronik ebenso verquirlt wie Spanisch, Englisch und Schwyzerdütsch. Man könne aber auch einfacher sagen, dass ihre Erdigkeit, Glamour, Humor und Melancholie bezwingend in Einklang bringenden Songs beim Hören jederzeit für eine Gänsehaut gut sind - das nächste Mal zu überprüfen am 27.1. im Pory & Bess. In letzter Zeit frönt die gelernte Schauspielerin und Sängerin Christina Zurbrügg einer weiteren künstlerischen Leidenschaft: dem Film. Der gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem Cutter, Regisseur und Musiker, Michael Hudecek, gedrehte Streifen: "Bleiben oder Gehen" ist eine sehr persönliche Suche nach ihren Wurzeln in einem Schweizer Bergdorf und nach einer neuen Heimat in der Fremde, aber auch eine Hommage an den Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt zu dessen 85. Geburtstag.

Wovon handelt der Film "Bleiben oder Gehen"?
Es sind drei ganz große Zufälle passiert: in den 50-iger Jahren ist ein Amateurfilmer im Berner Oberland gewesen und hat dort wunderschöne Aufnahmen gemacht. Es sind Farbaufnahmen - die Bevölkerung schaut aber aus wie aus einem Dorf um die Jahrhundertwende. Das ergibt eine ganz eigene Spannung. Und gleichzeitig ist es das Dorf, in dem Friedrich Dürrenmatt während seiner Studienzeit seine Urlaube verbracht hat. Und dieses Dort hat ihm zur Vorlage gedient bzw. die Inspiration gegeben für die Novelle "Mondfinsternis", aus der dann das Stück "Der Besuch der alten Dame" geworden ist. Und dann bin ich auch noch dort geboren, und der Dürrenmatt war ein Zechkumpan von meinem Großvater. Sie sind immer im Bärenwirt gesessen, einem legendären Wirtshaus, in dem Lenin einst Geheimsitzungen abgehalten hat. Und wenn Dürrenmatt und mein Opa rausgeschmissen worden sind, sind sie in die Backstube rübergegangen, die war die ganze Nacht offen. Gesoffen müssen sie ja wie die Löcher haben. In Dürrenmatts "Stoffen" heißt es auf jeder Seite: "Und wir tranken Schnaps".

Im Film kommen diese Dürrenmatt-Texte vor?
Wir haben uns beschränkt auf Stellen aus der "Mondfinsternis", wo er über das Dorf und die Bevölkerung redet, was ihn an den Leuten interessiert hat, deren Aberglaube usw. Und Dürrenmatt, der ja immer wieder Attacken gegen die Schweiz geritten hat, geht auch in "Mondfinsternis" bzw. im "Besuch der alten Dame" nicht sonderlich nett mit dem Dorf um. Er unterstellt ihnen einen Mord und die Käuflichkeit. Heute sind die Schweizer natürlich stolz auf ihn. Er ist zwischen Netzbeschmutzer und Weltliteratur angesiedelt - das ist ein spannendes Thema.

Sie sind aus diesem Dorf "geflohen". Ist der Film, als Auseinandersetzung mit Ihrem Herkunftsort, auch eine Art Rückkehr?
Dieses Motiv "Bleiben oder Gehen" ist allen am Film hauptbeteiligten Figuren passiert: Beim Dürrenmatt sind es seine Hauptfiguren, der Lord Locher bzw. dann die alte Dame: Das sind ja Auswanderer, die im Dorf gekränkt worden sind. Der Kameramann, von dem das Material her ist, ist nach Spanien ausgewandert. Und ich bin nach Südamerika ausgewandert. Und trotzdem hängen diese Leute an dem Dorf, der Kameramann, der diesen Film gemacht hat, die Hauptfiguren von Dürrenmatt, die nach vierzig Jahren wieder zurückkehren - allerdings aus dem Motiv der Rache heraus, und auch ich. Ich sehe das Dorf immer mehr auch als Quelle für die Musik. Aber dort leben wäre für mich damals unmöglich gewesen. Was tut ein 17-jähriger Mensch dort?

Sie sind auf dem beinahe kürzesten Weg - via Südamerika - nach Wien gekommen. Hier haben Sie sich u. a. mit dem Dudeln, dem Wiener Jodeln beschäftigt.
Ich habe, angefangen mit der Liedersammlung von Lorca im Theater Drachengasse, ganz lang diese spanische Musik gemacht und dann einen Film über "Die Dudlerinnen von Wien". Und die sind irgendwann gekommen und haben gesagt: "Und jetzt sing du. Du kommst doch eh aus dem Berner Oberland". Als ich hier mit zwanzig die Schauspielschule gemacht und gesagt habe, ich jodle, da haben die natürlich alle gedacht, was hat die? Aber zehn Jahre später war das plötzlich interessant. Ich bin halt aufgewachsen mit diesem Klang, und ich habe jetzt durchs Perfektionieren gemerkt, was man damit alles machen kann, wenn man das Jodeln einfach als eine Stimmtechnik nimmt und auch komponiert und spielt damit, welch wunderbare Dinge entstehen können, wenn man das transformiert und integriert in die jetzige Musik.

Sie bringen Musikrichtungen zusammen, die nicht als zusammengehörig gelten, das "Provinzielle" - das Jodeln - und das "Urbane" - Elektronik, Jazz. Ist Musik für Sie auch eine Utopie, in dem die Frage "Bleiben oder Gehen" aufgehoben wird?
Wir sind vielschichtige Wesen, und im Jahr 2005 stimmt das ja nicht mehr, dass hier der Urbewohner aus dem Bergdorf sowieso nur seine authentische Musik, und hier der Städter sowieso nur seine urbane Musik macht. Wir sind vernetzt, und jeder kann überall alle Arten von Musik hören. Also ist das Authentische ja diese Vermischung. Das habe ich auch am Begriff "Weltmusik" nie verstanden, dass man letzten Endes das Puristische, das Eindeutige sucht.

Warum aber setzt sich massenhaft doch immer bloß "Musikantenstadl" und Ö3-Einheitsklangbrei durch?
Dass es Pop auf Ö3 und "Musikantenstadl" gibt, ist ein sehr österreichisches Phänomen. Das hat mit dem Anteil der Musik zu tun, die im Radio gespielt wird. Wenn man in Spanien das Radio aufdreht, hört man jede Schattierung - von purem Flamenco bis zum Pop-Flamenco -, es wird also viel spanische Musik gespielt. In Österreich ist das halt nicht so. Aber es gäbe genug österreichische Musik, die man im Radio spielen könnte. Eine wunderbare Mischung, die dem Publikum vorgestellt werden könnte. In Österreich gibt es ein vorprogrammiertes Minderheitenprogramm: Ö1 und FM4, und für die breite Masse machen wir Ö3. Aber ich glaube, es wäre veränderbar. Wenn man den Leuten immer nur den "Musikantenstadl" vorspielt und behauptet, das sei Volksmusik, dann kennen sie halt auch nichts anderes. Das ist dann ein Teufelskreis. In den FM4-Soundpark habe ich übrigens einen Jodler gestellt, da gab es online schon nach einem Tag seitenweise Lobeshymnen.

Bezieht sich das "Bleiben oder Gehen" auch auf Wien als Ihren langjährigen Wohnort?
Ich hab ein sehr zwiespältiges Verhältnis zu Wien. Es gibt wirklich viele Seiten, für die ich Wien liebe. Was z.B. Wien als Weltstadt an Lebensqualität bietet, an Sicherheit in der Stadt, oder dass ich in einer Stunde am Berg sein kann. Welche Weltstadt bietet so etwas? Aber es ist einfach zu lange kalt. Ich halte diese langen, kühlen, dunklen, nebeligen Winter einfach schwer aus. Da gehe ich immer leicht ein. Und dann gefällt mir die Sprache nicht. Aber das ist ein ganz eigenes Problem, das ich mit mir habe: Wenn ich wo hinkomme und etwas höre, ist das für mich schon Klang. Italienisch z.B. mag ich einfach - das höre ich und das taugt mir.

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