PressePRESSE 05: Reisen
Warum Eiger und Mönch auf die Jungfrau sauer sind
Von Irene Hanappi

Sie ist der attraktivste Schweiz-Export derzeit, süßer noch als Toblerone: Christina Zurbrügg, die blond gelockte Rapperin aus dem Berner Oberland. Mit exotischem Schwyzerdütsch verführt sie ihr Publikum in "Christls Wunderwelt" - so der Titel ihrer neuen CD. Faszinierend wirkt dabei die Bandbreite der Sängerin, Schauspielerin, Autorin und Filmemacherin - von Jodeln und Dudeln über Tango bis zu Rap und Pop. Alles zusammen ergibt ein musikalisches Universum, das kein Berg, und sei er noch so hoch, begrenzen kann. Eine Wunderwelt eben, die es sich lohnt, nicht nur akustisch zu ergründen.

Verschneite Wege, einsame Hütten, steile Abfahrten, autofreie Ortschaften, internationales Flair - im Hinterland von Interlaken, Grindelwald, Wengen und Mürren klingt, wie in Zurbrüggs Musik, Folklore nur zaghaft an, als zufälliges Überraschungsmoment im kosmopolitischen Umfeld.

Zum Beispiel, wenn von der Schlittelpiste die Rede ist, der 15 Kilometer langen Rodelbahn von Faulhorn Bußalp nach Grindelwad. Oder dem Velogummel, einem aus Holz gezimmerten Gefährt, halb Fahrrad, halb Skibob, das 1911 hier erfunden wurde und bis heute vom Postler benützt wird.

Oder, wenn der Hüttenwirt vom "Waldspitz" seine Schnupfmaschine vorführt, ein Holzspielzeug, das mit kolossalem Urknall eine Niessalve nach der anderen auslöst. "Urchig", sagen sie Schweizer dazu und meinen "urig". Urtümlich und originell wirkt nicht nur die Sprache, sonder auch, dass die Almen oberhalb von Grindelwald seit 1546 Bergschaften (Bauerngenossenschaften) gehören, die darüber entscheiden, ob ein Lift gebaut werden darf oder nicht. Dass der "Pfander" jedem, der sein Vieh heraufbringt als Gegenleistung ein bestimmtes Arbeitspensum auferlegt - Steine aus dem Weideland klauben, Wälder roden, Bäume schneiden ... Dass man via Internet eine Kuh leasen kann, und dafür einmal im Jahr einen Laib Käse erhält ... Wer zum Schifahren, Schneeschuhwandern oder Spazieren hier heraufkommt, nimmt davon nicht allzu viel wahr. Auffallend sind höchstens die Stille, das Fehlen der Musikbeschallung am Lift und vor der Hütte.

Angesichts der majestätischen Erhabenheit von Eiger, Mönch und Jungfrau kann man es sich im Berner Oberland offenbar leisten, auf marktschreierische Aktivitäten zu verzichten. Dafür ertappt man die Schweizer immer wieder dabei, wie sie im Gespräch über die "Wahnsinnsgegend, die wir hier haben" wiederholt den Superlativ einstreuen. Das Jungfernjoch: die höchst gelegene Bahnstation Europas. Die Lauberhornabfahrt: die längste FIS-Strecke der Welt. Der Mürrenbachfall: mit 750 Metern der höchste Wasserfall Europas.

Wie Eiger, Mönch und Jungfrau zu ihrem Namen gekommen sind, weiß niemand. Eiger käme von "ogre", frz. Menschenfresser, heißt es. Dass die Berge Gesichter haben und natürlich Persönlichkeit, steht außer Frage. Der Eiger schielt zur Jungfrau rüber, der Mönch steht zwischen ihnen - klassische Dreiecksbeziehung. Das regt die Fantasie an. Hüttenwirt Adi meint mit einem breiten Grinsen: "Der Eiger beschützt die Jungfrau, damit der Mönch nicht zu oft hochsteigt". Hans, der Bergführer, erzählt einen Witz: "Warum sind Eiger und Mönch auf die Jungfrau sauer? Weil sie 1938 den Zeppelin hat drüber lassen".

"Hallo, everybody, Jungfernrailways wellcomes you on board of the train", verkündet eine freundliche Lautsprecherstimme und wechselt dann vom Englischen zum Italienischen, Japanischen, Koreanischen, Chinesischen.

Während der Zug in den Tunnel einfährt, hört man den Wind heulen, am Flaatscreen taucht der Eigergipfel auf. Der virtuelle Fremdenführer erzählt von der Erstbesteigung 1938, der "japanese diretissima" und den Pioniertaten im Bahnbau. Die meisten Japaner, die mit dem verbilligten "early morning ticket" aufs Jungfernjoch fahren, bekommen davon nicht viel mit. Sie schlafen. Die Waggons sind einfach zu gut geheizt (20 Grad) und unverschämt bequem. Selbst die Wände ziert tannengrüner Samtbezug.

"Next Station", Eiger-Wand, verkündet die Stimme aus dem Off. Fünf Minuten, um zu fotografieren. Der Zugführer hat ein Auge auf die ausschwärmenden Passagiere und meint schließlich: "Bitte einsteigen, aber ohne Eile." Das letzte Bild, das jeder noch schießen will, ist einkalkuliert. "Gott schuf die Zeit", sagt er mit einem Augenzwinkern. "Von Eile hat er nichts gesagt"!

Beschleunigt wird im Berner Oberland höchsten beim Schifahren. Zum Beispiel beim berühmt - berüchtigten Inferno-Rennen in Mürren: Mit zwölf Kilometern die längste Volksabfahrt der Schweiz.

An die 1600 Läufer gehen an den Start, die Langsameren werden vom Zugabteil aus angefeuert. Auch Österreicher reisen für dieses Bewerb an, schließlich gilt es ja, einen Ruf zu verteidigen. Seit der Siegerserie beim Lauberhornrennen begegnet man den Österreichern mit einer Mischung aus Hochachtung und Neid. Das kommt nicht von ungefähr, denn in der 75-jährigen Geschichte des legendären Sportevents standen 32-mal Schweizer und 31-mal österreichische Abfahrtsläufer am Siegerpodest. Bei so viel Wettkampfgeist versteht man Christina Zurbrügg, wenn sie sagt: "I wär so gern fuul, läg dr ganzen Tag am Pool. Ohne schlächts Gwüsse ...".